wirecard insolvenz

Über das Thema wirecard wurde  schon sehr viel geschrieben und publiziert. Täglich kommen neue Nachrichten hinzu und es scheint in Sachen des “totalversagens” kein Ende zu nehmen. Alles was gesagt werden muss, soll dazu auch gesagt werden aber bitte ohne Krawall und ohne beteiligte Personen und/oder nicht beteiligte Personen zu deskreditieren. Mit dem aktuellen Werk “Wirecard Bad Company” sehe ich persönlich die Schmerzgrenze übelst überschritten und hinterfrage gleichzeitig auch die Ernsthaftigkeit in Sachen wertschöpfender Aufklärung.

Ich sehe in der Idee hinter dem Buch keine Meisterleistung, da sich viele Fragen auftun die vom Autor nicht wirklich beantwortet werden können und vielleicht auch überhaupt nicht beantwortet werden sollen. Aber was genau finde ich an diesem Buch so anrüchig und zweifelhaft? Fange ich doch einfach mal an und beziehe mich hier auf das vom Autor gegebene Spiegel Interview vom 06.02.2021.

War Wirecard eine Klitsche oder einfach ein mittelständisches Unternehmen?

Das mag jeder für sich entscheiden. Aus meiner Betrachtung stufe ich das Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt als ein mittelständisches Unternehmen ein. Ca. 300 Mitarbeiter waren 2004 bis 2008 für die Wirecard tätig Klar, der Fokus der damaligen Umsatzgenerierung kann dem Segment Gaming, Gambling, Adult angesiedelt werden. Sicherlich nicht unbedingt heldenhaft aber durchaus zum damaligen Zeitpunkt legitim.

Bedenken sollte und muss man aber auch dass die damals aktive Crew durchaus darauf ausgerichtet wurde neue Geschäftsfelder zu eröffnen, z.B. durch die Schaffung einer E-Commerce, Tourismus / Travel und POS Sparte. Es ist einfach falsch zu behaupten man hätte sich ausschließlich mit dem anrüchigen Geschäftsmodell beschäftigt. Ebenso möchte man sich fragen warum man sich als Manager bei einer Klitsche bewirbt. Auch stellt sich die Frage ob der Autor während seiner Anstellung einmal den Begriff “Klitsche” so provokant kommuniziert hat?! Vermute mal nicht, denn dazu gehört Mut aber dazu später mehr.

Mythos Paul Bauer Schlichtegroll

Im Spiegel Interview wurde auch die Personalie Paul Bauer Schlichtgroll sehr fragwürdig dargestellt. Ich musste beim Lesen der entsprechenden Passagen schmunzeln und habe hier den Kenntnisstand des Autors hinterfragt. Ich kann die im Spiegel geschilderten Eigenschaften von Herrn Paul Bauer Schlichtgroll ohne schlechtes Gewissen in Abrede stellen. Ich habe während meiner aktiven Wirecard Zeit einiges mit Herrn Bauer zu tun gehabt und diesen völlig anders in Erinnerung. Weder hat er im Büro wilde Joint Aktionen durchgezogen, noch  konnte ich ihn als Tyrann oder  dominante Führungspersönlichkeit in Erinnerung behalten. Eigentlich war Herr Bauer sehr offen für neue Ideen und Projekte, sehr menschlich in seinem Führungsstil und absolut kein blinder Mensch wenn es um die globale Ausrichtung ging. Zahlreiche Meetings habe ich während meiner aktiven Wirecard Zeit mit Herrn Bauer live erleben können, einen Herrn J.L habe ich in diesen Meetings nie als anwesend feststellen können. Was das Marketing betraf waren definitiv andere Personen die favorisierten Ansprechpartner für Herrn Bauer. Ich vermute dass Herr Bauer bis zum denkwürdigen Spiegel Interview Herrn J.L. überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.

Komplett absurd ist der Hinweis Herr Bauer habe Herrn Marsalek den Messestand “putzen” lassen. Da musste ich schon tief in mich gehen und die Gedankenwelt des Herrn J.L hinterfragen.

Treten wir doch einfach noch auf Oliver B. ein

Ganz schlechter Stil. Im Spiegel Interview wurde was die Personalie Oliver B. betrifft ordentlich eingetreten. Wow habe ich mir gedacht da geht es mit der Beachtung und Akzeptanz von  Persönlichkeitsrechten aber ordentlich den Bach runter. Sicherlich, Oliver B. scheint im Desaster Wirecard eine Rolle zu spielen. Oliver B. hat sich den Strafverfollgungsbehörden gestellt, sitzt aktuell in U-Haft und wird mit Sicherheit für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen werden. Was genau das nun sein wird, welchen Umfang es genau betrifft, wird durch die laufenden Ermittlungen geklärt und durch ein Gerichtsverfahren beurteilt werden. Bis es soweit ist gilt die “Unschuldsvermutung”. Auf eine Person dann derart heftig einzutreten, welche aufgrund ihrer aktuellen Situation eine denkbar schwierige Ausgangslage hat, bezeichne ich als menschlich sehr gewöhnungsbedürftig, wobei die Behauptungen durch J.L. schon arg unter die Gürtellinie gingen.

Während meiner aktiven Zeit habe ich Oliver B. als aufgeschlossenen, interessierten und durchaus hilfsbereiten Kollegen kennengelernt. Von rechtsradikalen Tendenzen konnte ich persönlich nie etwas feststellen oder gar wahrnehmen. Sicherlich, Oliver B. war flapsig, für manch andere Mitmenschen gar aufgedreht wirkend aber mit Sicherheit kein Mensch der andere aufgrund ihrer Rasse, Nationalität oder Herkunft beleidigt hat. Aber nun gut. Es wurde im Spiegel so geschrieben und von der betroffenen Person auch sehr deutlich widersprochen. Ich stufe das vom Interview-Geber einfach als unüberlegt und irgendwie hinterhältig ein. Da fehlt es an Kenntnissen in Sachen “Menschenwürde”!!!

Bad Company ein mutiges Werk oder einfach eine feige Abrechnung?

Kann und muss jeder so einordnen wie er es einordnen möchte. Ich habe eine Fragen an den Autor. Warum wurde das Buch den erst nach dem Zusammenbruch der Wirecard geschrieben? Eine “Bad Company” scheint es doch schon über viele Jahre gewesen zu sein. Hätte man das Buch nicht schon im Jahre 2016, 2017, 2018 .. schreiben können und schreiben müssen? Warum hat der Autor das nicht getan und welchen Sinn soll es denn haben erst 8 Monate nach Untergang der Wirecard damit auf den Markt zu gehen?

Stellen sich nun  weitere Fragen. Im Spiegel Interview wird durch J.L. laufend erwähnt dass er die “krummen Machenschaften” geahnt hat. Es konnte somit im System etwas nicht stimmen aber man nimmt es dann doch einfach lässig hin??. Warum hat man denn seine Vermutungen / Ahnungen / nicht an vertrauliche Stellen kommuniziert? Angst einen Job zu verlieren? Angst vor Konsequenzen? Warum nimmt man es denn einfach so hin?  Gilt es hier nicht als “verantwortungsvoller Manager” den Code of Conduct zu beherzigen? Kann man hier nicht den §138 StGB zur Hand nehmen und das eigene Verhalten hinterfragen?

Wie kann man die Motivation des Autors letztendlich bewerten?

Einen Mehrwert bietet das Buch “Wirecard Bad Company” definitiv nicht. Es hilft keinem der geschädigten Personen, Unternehmen, Mitarbeitern weiter. Vielmehr darf man es als schlechte Unterhaltung einsortieren die darauf ausgelegt ist noch mehr Randale zu generieren. Es steht wohl auch der wirtschaftliche Gedanke im Vordergrund, weil Randale eben sexy scheint und natürlich nutzt der Autor alle Möglichkeiten ein  aktuell in der Öffentlichkeit und in der Politik heiß kommuniziertes  Thema mit entsprechender Reichweite für seinen wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen.

Wie stufe ich das Werk nun ein? Menschlich sehr bedenklich, moralisch definitiv zu hinterfragen. Würde es nicht dazu dienen andere Menschen durch den Kakao zu ziehen und würde es sich wirklich objektiv mit der Thematik auseinandersetzen könnte man es ggfs noch als wertvoll erachten. Schade dass ein “hochrangiger” Mitarbeiter erst am Ende sein Wissen um Wirecard in die Öffentlichkeit trägt. Zu einem früheren Zeitpunkt wäre es sinnvoller gewesen und auch mutiger. Aber wer sägt schon an der Hand die einen “gut” füttert? Dazu gehört dann doch einfach doch Mut und Zivilcourage. Hat nicht jeder und somit möchte es an dieser Stelle auch gut sein lassen.

Nur noch diese Anmerkung: Vor wenigen Monaten hat der Autor noch die Fahnen für die Wirecard sehr hoch gehalten. Er hat in diversen Portalen von seiner glorreichen Arbeit für diesen Konzern geprahlt. Da scheint aber sehr viel heiße Luft generiert worden zu sein.

Und was habe ich nun damit zu tun?

Eigentlich nicht viel. Ich möchte hier nur mein Faible für mutige und faire Kommunikation erwähnen.

Ansonsten habe ich von 2004 bis 2008 bei der Wirecard Technologies gearbeitet und kenne auch die Menschen, Kollegen die im Spiegel Interview ordentlich auf die Rübe bekommen haben. Ich habe das Unternehmen freiwillig verlassen-

Fazit: Jeder auch ein J.L. hätte merken müssen dass der Kahn in schwieriges Gewässern rudert. Und jeder Top Manager hätte dann einfach mal das doch simple Wirecard Abrechungsprozedere anhand der jährlichen und wundersamen Geldvermehrung leicht berechnen müssen. Anhand der in den Bilanzen aufgeführten Wunderzahlen hätte die Wirecard ca. 11 Amazon Plafftormen als Kunde begrüßen dürfen. Hat man aber nicht und somit kommt nun die verpennte Erkenntnis  in einem Buch mit dem Titel “Wirecard, Bad Company”!! Klasse!